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„Viele Alleinerziehende haben jahrelang kein einzig nettes Wort gehört“

„Viele Alleinerziehende haben jahrelang kein einzig nettes Wort gehört“

26.03.2019. 12:04
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„Wo sind denn die Männer in Ihrem Blog?“, hat mich vor ein paar Wochen ein Redakteur des Magazins "Theo" gefragt. Neben diesem und diesem interessanten Gastartikel zweier Väter stelle ich euch heute einen Mann vor, der sich mit Alleinerziehenden und ihren Themen besonders gut auskennt. Professor Dr. Matthias Franz ist Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychoanalytiker am Universitätsklinikum in Düsseldorf. Er hat das Bindungstraining „wir2“ für Alleinerziehende entwickelt, über das ich hier schon einmal geschrieben habe.

 

Herr Professor Dr. Franz, warum ist die Situation alleinerziehend zu sein, oft solch eine Herausforderung?
Das liegt nicht an den Alleinerziehenden selbst, sondern an der nach wie vor unzureichenden Unterstützung. Alleinerziehende Eltern – 90 Prozent von Ihnen sind Mütter - mit kleinen Kindern dürfen nicht alleine gelassen werden. Jede Mutter, der es gut geht, ist hochsensibel für die Signale und Bedürfnisse ihre Kindes und kann sich in der Regel auch gut um es kümmern. Hierfür sind Mütter aber – übrigens auch aus evolutionsbiologischer Sicht - angewiesen auf die Unterstützung, die „Bemutterung“ durch ihre Bezugsgruppe. Besonders Alleinerziehende brauchen deshalb Hilfe von außen. Und genau das ist das zentrale Problem. Denn dafür scheint unserer Gesellschaft die Empathie abhanden gekommen zu sein. Für Alleinerziehende wurde in den vergangenen zwanzig bis dreißig Jahren wenig bis gar nichts getan.

Zu wenig Geld, zu wenige Beziehungen

Was fehlt Alleinerziehenden heute in unserer modernen, digitalen Gesellschaft?
Sie leiden ganz analog hauptsächlich unter Armut an Geld und unter Armut an Beziehungen. Und Einsamkeit und Armut das sind die beiden großen psychosomatischen Krankmacher. Alleinerziehende leiden häufiger als andere Mütter unter chronischen Beschwerden, Bluthochdruck, oder Angsterkrankungen. Ihr Risiko für Depressionen ist gegenüber Müttern in Paarbeziehzungen zwei- bis dreifach erhöht. Auch Abhängigkeitserkrankungen sind ein großes Thema. Ich meine vor allem das Rauchen. Es ist dramatisch: einer großen Studien zufolge rauchen alleinerziehende Frauen in der unteren Mittelschicht 26 Mal häufiger mehr als 20 Zigaretten pro Tag als Frauen, die in einer Paarbeziehung leben und der sogenannten oberen Schicht angehören.

Rauchen diese Frauen, um sich von ihrem Alltag abzulenken?
Das spielt sicher auch eine Rolle. Dass diese Frauen rauchen, bedeutet aber nicht, dass sie „selbst schuld“ oder keine guten Mütter sind. Der Hintergrund ist, dass Nikotin wie alle Drogen auf das Belohnungssystem unseres Gehirns wirkt. Vereinfacht gesagt erzeugt die Zigarette im Gehirn das illusionäre Gefühl: Da draußen ist jemand, der mich liebt. Und natürlich wünschen sich das auch die meisten alleinerziehenden Mütter. Wenn da draußen aber niemand ist, bleiben diese Frauen an der Zigarette hängen – mit allen schädlichen Folgen, auch für die mitbetroffenen Kinder.

Aber es rauchen ja nicht nur Alleinerziehende. Auch Menschen in Beziehungen haben Probleme.
Das stimmt. Schon vor mehr als 30 Jahren haben wir in einer Bevölkerungsstudie, der „Mannheimer Kohortenstudie“  herausgefunden: Ein Viertel der Erwachsenen leidet an einer psychosomatischen Erkrankung, am häufigsten unter Depressionen, Angststörungen, Alkoholproblemen oder psychosomatischen Körperbeschwerden. Ursächlich spielen familiäre Kindheitsbelastungen oft eine große Rolle. Diese Erkenntnis war alarmierend. Und auffällig war, dass besonders die vaterlos aufgewachsenen Kriegskinder, die zwischen 1935 und 1945 geboren sind, auch 60 Jahre nach Kriegsende noch deutlich häufiger unter psychischen Störungen litten. Das war in der Tat eine bahnbrechende Erkenntnis, denn das wusste damals noch niemand, dass die Väter so wichtig sind für die Entwicklung ihrer Kinder.

"Früher wurde meist den Müttern der schwarze Peter zugeschoben"

Dass Väter für Kinder wichtig sind, gilt heute als Konsens. Warum kam denn vor den 1990er Jahren niemand darauf?
Ich muss zugeben, das war damals ein blinder Fleck auch in unserem Fach der Psychosomatischen Medizin. Viel zu lange wurde den Müttern und ihrem Verhalten der schwarze Peter zugeschoben und verdrängt, wie elementar auch die Unterstützung der Mütter ist.

Und so sind Sie auf die Idee gekommen, „wir2“ zu entwickeln. Ein Training für Alleinerziehende und ihre Kinder.
Der Auslöser war noch eine weitere große Studie. Im Jahr 2003 haben wir untersucht, wie es Alleinerziehenden geht. Das Fazit: Sie sind außerordentlich hohen sozialen, gesundheitlichen und seelischen Risiken ausgesetzt. Wir waren sehr überrascht, wie schlecht es nicht allen, aber vielen dieser Mütter tatsächlich geht und daraufhin haben wir ein Elterntraining speziell für diese Bevölkerungsgruppe entwickelt. Mir war das auch als Arzt und Wissenschaftler sehr wichtig. Ich finde, dass wir als Gesellschafteine Bringschuld haben, Alleinerziehende zu unterstützen und den Müttern eine gute Begleitung an die Hand zu geben.

Wie lief die Umsetzung des Programms? Die Inhalte klingen sehr gut, aber bisher ist „wir2“ öffentlich erst wenig bekannt.
Es war damals ziemlich schwer, die Ämter, die Politik und öffentliche Stellen davon zu überzeugen, dass es in Deutschland eine große und weiter wachsende Gruppe von Familien gibt, denen es häufig wirtschaftlich und psychisch nicht gut geht. Der Tenor war damals, vor gut 15 Jahren: Alleinerziehen ist eine fortschrittliche Errungenschaft. Wer daran rührt, stigmatisiert diese Frauen, denn die schaffen es alleine sogar besser. Hinweise darauf, dass das für die Betroffenen aber nicht immer einfach ist, wurden meist abgewiegelt. Diese Sichtweise ändert sich in den letzten Jahren, zum Glück. Es gibt es inzwischen ein wachsendes Bewusstsein für die Fakten und die Notwendigkeit von Unterstützungsangeboten.

"Die Politik hat das Thema 30 Jahre lang verschlafen"

Warum kommt die Unterstützung erst jetzt?
Meine persönliche Meinung: Die Politik hat das Thema 30 Jahre lang verschlafen. Zusätzlich zu den Angeboten in den Kommunen finanziert inzwischen aber auch die Deutsche Rentenversicherung eine sechswöchige Mutter-und-Kind-Kur inklusive unseres Trainings, in den psychosomatischen Reha-Kliniken Schömberg im Schwarzwald oder in Bad Elster in Sachsen. Interessierte können sich direkt an diese Kliniken oder ihren Hausarzt wenden. Meiner Meinung nach gibt es für psychisch belastete Alleinerziehende derzeit nichts Besseres. Die meisten Teilnehmer sind übrigens Mütter, obwohl das Training auch für Väter offen ist.

Welche Rollen soll ich alle ausfüllen?

Wie hilft dieses Programm Alleinerziehenden denn ganz konkret?
Es geht nicht um schnelle Tipps und Verhaltensratschläge. Im Zentrum steht die Förderung der elterlichen Feinfühligkeit, die Wahrnehmung eigener Gefühle und die der Kinder. Die Eltern werden dort abgeholt wo sie sind, es geht zunächst um die Fragen: Wie geht es mir? Welche Gefühle spüre ich und welche Erwartungen? Welche Rollen soll ich alle ausfüllen – und will ich das? Dann werden unter anderem Rollenspiele, Fantasiereisen und Entspannungsübungen gemacht, um die Mütter wieder mit sich selbst in Kontakt zu bringen.

Warum ist das so wichtig?
Viele Mütter kommen aus ihrem stressigen Alltag mit erheblichen emotionalen Belastungen in die Gruppen. Aber erst wenn ich mich wieder selbst spüre, kann ich auch spüren, was mein Kind von mir braucht. Nehmen wir zum Beispiel die Übung „Gefühlsdusche“: Jede Mutter hört von den anderen aus der Runde etwas Positives über sich - konkret, echt und freundlich. Das schafft eine große Nähe und Vertrauen in der Gruppe und häufig fließen dabei Tränen. Weil viele dieser Frauen jahrelang kein einzig nettes Wort über sich gehört haben. Es geht darum, dass alle ihre Gefühle wieder ins Schwingen kommen. Denn genau das ist das Gegenteil von Depression.

Viele Alleinerziehende machen sich Vorwürfe

Was raten Sie Alleinerziehenden, die dieses Programm nicht besuchen können? Wie geht es ihnen und ihren Kindern möglichst gut nach einer Trennung?
Ich rate diesen Müttern ganz klar, dass sie aktiv werden und sich die Hilfe holen, die sie brauchen und die ihnen zusteht. Etwa bei einer der vielen Familienberatungsstellen oder in den Jugendämtern. Doch manche Alleinerziehende trauen sich nicht, unausgesprochene Schuldgefühle machen es ihnen vielleicht schwer. Auch, weil zum Beispiel die beste Freundin oder die eigene Mutter daran erinnert: „Ich hab dir doch von Anfang an gesagt, dass das mit diesem Mann nichts werden kann.“ Schuldgefühle sind nach einer Trennung aber normal. Wichtig ist, darüber verständnisvoll zu sprechen. Vorwürfe machen sich Alleinerziehende meist selber schon mehr als genug.

Was braucht es noch, damit es Alleinerziehenden besser geht?
Wir brauchen mehr Sensibilität für die Bedürfnisse dieser Mütter und ihrer Kinder. In den Kitas zum Beispiel und in den Arztpraxen. Die Jugendämter sollten aktiv durch den Behördendschungel lotsen, bei der Schuleingangsuntersuchung sollte es selbstverständliche Pflicht sein, dass allein oder getrennt erziehende Eltern gefragt werden: „Haben Sie für sich oder ihr Kind Unterstützungs- oder Betreuungsbedarf?“ Darauf haben Alleinerziehende in Deutschland einen Anspruch.

Ihr bester Tipp an alleinerziehende Mütter und Väter, ganz konkret?
Öffnen Sie Ihr Herz und Ihren Mund. Fordern Sie Hilfe ein. In den Familienberatungsstellen sitzen viele gut ausgebildete Leute. Sprechen Sie die Erzieherin Ihres Vertrauens in der Kita an oder den Hausarzt. Nehmen Sie bei Bedarf die Unterstützung des Jugendamtes, des VAMV oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Eine Anlaufstelle kann auch die psychosomatische Ambulanz der Uni-Klinik sein.

Rückzug und riesige Selbstzweifel

Was sind die häufigsten Fehler, die Alleinerziehende machen?
Absichtliche Fehler sind das sicher nicht. Wenn, dann passieren solche Dinge aus Not oder Verzweiflung heraus. Zum Beispiel dass sich Betroffene zu stark zurückziehen und in Selbstzweifeln versinken. Wenn sie glauben, sie hätten Hilfe nicht verdient oder dass sie selbst Schuld an ihrer Situation seien. Dieser Weg kann dann in Richtung Depression führen. Zum Glück steht mit „wir2“ ein Elterntraining zur Verfügung, das Alleinerziehenden besser hilft als Anti-Depressiva oder Beruhigungsmittel.

 

Infos zum Training für Alleinerziehende

„wir 2“ (früher PALME) ist ein deutschlandweit angebotenes Elterntraining für Allein- und Getrennterziehende. Ziel des mehrwöchigen Kurses ist, dass Mütter und Väter wieder Kraft bekommen, um bestmöglich für ihre Kinder und sich selbst zu sorgen. So dass es allen in der Familie gut geht. Das Programm ist für alle teilnehmenden Eltern kostenlos. Während der Kurszeit wird eine Kinderbetreuung angeboten. Getragen wird das Projekt von der Walter-Blüchert-Stiftung.  Am 18. Mai 2019 startet ein Kurs in Düsseldorf-Unterbilk, weitere Kurse für Köln sind in Planung. Infos zu den deutschlandweiten Angeboten auch unter www.wir2-bindungstraining.de

 

Veranstaltungstipp: Elternwerkstatt im studio dumont in Köln am 1. April 2019

„So geht es meinem Kind und mir gut - nach der Trennung“

Familiäre Trennung kann ein Gesundheitsrisiko sein – mit manchmal lebenslangen Auswirkungen.

Doch es gibt Hilfen. Das Programm „wir2“ wirkt präventiv und bewährt sich in der Praxis als Bindungstraining für Alleinerziehende.

Referent des Abends: Prof. Dr. Matthias Franz, Ärztlicher Leiter Klinisches Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Uniklinik Düsseldorf

Moderation: Wolfgang Oelsner, Pädagoge und Kinder-/ Jugendlichenpsychotherapeut

Prof. Dr. Christoph Wewetzer, Leiter der Städt. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Köln-Holweide

Montag, 1.4.2019, 19:30 – 21:00 Uhr

studiodumont, Breite Str. 72, Köln

Der Eintritt ist frei, keine Anmeldung erforderlich.

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Nicht alle Eltern wohnen nach einer Trennung nahe beieinander. Manchmal liegen viele Kilometer zwischen den Wohnorten. Um die Distanz einfacher zu überbrücken,  gibt es ein Angebot von der Deutschen Bahn. Mit „Kids on Tour“ reisen Kinder zwischen 6 und 14 Jahren alleine mit dem Zug – und werden dabei von geschulten Mitarbeitern der Bahnhofsmission begleitet. Janna, Niclas und Johanna fahren regelmäßig mit dem Intercity von Köln zu ihren Vätern. Wie das für sie ist, haben sie mir erzählt.

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